New York, New York | November 2018

Vor rund 20 Jahren arbeitete mein Vater bei der Credit Suisse. Dort bot sich ihm die Chance, während zwei Jahren in der Filiale in New York zu arbeiten. Dieses Angebot nahm er natürlich an, und so kam es, dass wir in den Ort White Plains, rund dreissig Minuten nördlich von Manhattan zogen. Da ich damals noch ein kleiner Hosenscheisser war, erinnere ich mich natürlicherweise nicht mehr an viel von dieser Zeit. Das eine oder andere ist mir aber trotzdem hängen geblieben, ob es jetzt Erlebnisse in der Nursery, der amerikanischen Version der Kinderkrippe, oder sonstige Erinnerungen sind.
Da wir deshalb einen Bezug in der Familie zu NYC haben, sind wir immer mal wieder über den Teich geflogen, um damalige Freunde und Bekannte zu besuchen oder einfach um die Stadt wiederzusehen.
Ich empfinde gegenüber den Staaten eine Hassliebe. Ich trashe die USA und ihre Einwohner zwar ständig und nerve mich immer wieder über dieses Volk, aber trotzdem reise ich sehr gerne in die Staaten.

Fünf Jahre sind es also schon her, seit ich in New York war. Eine Woche vor meinen freien Tagen schnell die Flug- und Hotelpreise gecheckt und schon war’s gebucht. Das wäre auch das erste Mal seit rund 2.5 Jahren, dass ich wieder Langstrecke fliege. Ich finde lange Flüge gar nicht so schlimm. Nur dieses Mal war es leider ein wenig unangenehm, da ich eine amerikanische Oma neben mir hatte, die mich nonstop zugelabert hat, sprich, sie hat sich den ganzen Flug beschwert. Zuerst war’s die Beinfreiheit, dann, dass ihr ein Gang- statt ein Fensterplatz zugewiesen wurde, danach war das Essen nicht gut, der Service der Flight Attendents unzureichend (der eigentlich top war) und und und. Meinen Klapptisch hat sie dann immer wieder ungefragt als Ablage für ihren Scheiss benutzt, aber sprachlos war ich erst bei der Landung am JFK Flughafen. Wir rollten gemütlich zum Gate, als die Tante völlig schockiert aus dem Fenster zeigte. Was sah sie dort, fragt sich jetzt der gewiefte Leser?

Es war ein Flugzeug von Etihad.

Wieso die denn in die USA fliegen dürfen, fragte sie mich.
Ich verstand ihre Frage nicht wirklich. Wieso denn nicht, lautete meine Gegenfrage.
Das seien doch die Terroristen aus Saudi-Arabien! Dass die USA sich so wenig um unsere Sicherheit sorgt beunruhige sie.
Etihad ist eine Airline aus Abu Dhabi, habe ich ihr erklärt.

Dass die nationale Fluggesellschaft von Saudi-Arabien ebenfalls in die USA fliegt, habe ich ihr dann aber nicht gesagt.
Unter anderen Umständen hätte mich das wohl amüsiert, aber ich hatte furchtbare Kopfschmerzen und wollte nur noch ins Bett. Da war ich nicht grad in der richtigen Stimmung für einen Midwestern Bigot.

Dann ging’s zum Glück schnell und ich konnte mich endlich von der alten Dame verabschieden. Die Einreise in die USA verlief überraschend einfach und schnell. Ich hatte mich schon auf eine Immigration vorbereitet, wo ich erstmal 40 Minuten anstehe, bis ich mal drankomme, aber in 10 Minuten war ich schon eingereist.
Wegen meinen Kopfschmerzen und dem Bedürfnis nach einem Bett habe ich mir eine Taxifahrt nach Manhatten für 70 Dollar gegönnt. Um in die Stadt zu gelangen, empfehle ich aber sowieso allen, ein gelbes Taxi zu nehmen. Bei der Anfahrt taucht nach und nach die Skyline von Manhattan am Horizont auf, vor allem beim ersten Besuch in NYC ist das sehr beeindruckend. Ausserdem sind die Preise nach Manhattan genormt und kosten immer 52 Dollar plus 6 Dollar Mautgebühren und noch ein Trinkgeld zwischen 10 und 20 Prozent. Man kann also nicht abgezockt werden, denn das war früher ein grosses Problem – da haben die Taxifahrer unwissenden Touristen vorgeschlagen, eine szenische Route  zu fahren, welche viel teurer war als die reguläre.

Die Taxifahrt dauert rund eine Stunde, schneller geht’s nicht. Alternativ zum Taxi kann man noch per AirTrain + Subway anreisen, das kostet weniger als 10 Dollar, geht aber länger und ist mit viel Gepäck bzw. nach einem langen Flug nicht sehr angenehm. Die andere Variante wäre, einen Bus in die Innenstadt zu nehmen – ist aber aufgrund mehrerer Zwischenstopps nicht sehr empfehlenswert, da man so teilweise bis zu 2.5 Stunden unterwegs ist.
Berühmt-berüchtigt sind die Gypsy Cabs, auf die man sich in keinem Fall einlassen sollte, beziehungsweise nur, wenn man genau weiss, was man tut und ortskundig ist. In NYC dürfen nur die offiziellen, gelben Cabs Passagiere am Strassenrand aufnehmen. Limousinendienste, Uber etc. dürfen ebenfalls operieren, da diese im Vorfeld bestellt werden.
Die vorhin genannten Gypsy Cabs sind inoffizielle Taxis, welche oft im Vorhinein einen Preis zur gewünschten Destination versprechen, der schlussendlich nicht eingehalten wird. Am Zielort angelangt wird dann ein komplett überrissener Preis verlangt. Wird dieser nicht gezahlt, wird der Kofferraum mit allfälligem Gepäck nicht geöffnet und mitten auf der Strasse wird ein Riesendrama gemacht, in der Hoffnung, der Passagier zahlt aus Scham doch noch. In letzter Zeit sind die Gypsy Cabs aber scheinbar nicht mehr so ein Riesenthema, da am Flughafen die Polizeipräsenz verstärkt wurde und das offizielle Taxiterminal inzwischen bis in die Ankunftshalle hineinreicht.

Mein Hotel, das Pod Times Square, befand sich zwei Strassen vom Times Square entfernt, 42 Street 9th Avenue. Ich kann das Hotel nur weiterempfehlen – für den Preis findet man in Manhattan in guter Lage sonst nichts gutes. Generell sind Hotels in NYC immer eher auf der schmuddeligen Seite, weshalb ich von meinem Hotel sehr positiv überrascht war. Weitere Pluspunkte sind natürlich die Nähe zum Times Square, zum Grand Central Terminal aber auch zum Port Authority Bus Terminal, wo täglich unglaublich viele Fernbusse verkehren. Dazu später mehr, denn mit so einem Bus bin ich nach Washington, D.C gefahren.

Der nächste Morgen kam, um 6 Uhr war ich hellwach. Ich blieb trotzdem noch eine Weile im Bett, da meine ersten Ziele (Frühstück im Ruby Tuesdays, Top of the Rock) erst um 8 Uhr aufmachten. Das ist immer das praktische, wenn man in die USA reist – man ist super früh wach und hat so immer den ganzen Tag, um alles anzuschauen 😊
Vorweg – ich habe in diesen 5 Tagen NYC eigentlich nur Scheisse gegessen, aber das war so geplant. Manchmal muss man einfach 😉.
Angefangen hat das mit dem Frühstück im Ruby Tuesdays, einer amerikanischen Restaurantkette im Diner-Stil. Dort gab’s fett Pancakes mit ganz viel Speck und (wahrscheinlich nicht echtem) Ahornsirup. Einen besseren Start in Amerika gibt’s nicht.
Was in Amerika nervt, ist die Tatsache, dass der Preis auf der Speisekarte nie dem Endpreis entspricht. Man muss ja immer noch die Tax, die Mehrwertsteuer, dazurechnen – die kann man aber nicht auswendig lernen, da die je nach Bundesstaat (oder sogar Stadt) und je nach verkauftem Gut anders ist. Und dann jeweils noch ein Trinkgeld von 15 – 20 Prozent. In NYC ist aber gnädigerweise immer schon ein Vorschlag auf dem Kassenzettel.
Mich persönlich stört es nicht unbedingt, dass ich ein Trinkgeld geben muss – das mache ich sowieso meistens. Ich find’s halt einfach schlimm, dass der gesetzliche Mindestlohn mal einfach nicht gilt für Serviceangestellte. Aber naja, ist halt typisch Amerika.

Nach meinem unglaublich ungesunden Frühstück, das schon meinen Kalorienbedarf für den ganzen Tag gedeckt hat, spazierte ich in Richtung des wohl hässlichsten Gebäudekomplexes in ganz Manhattan.
Genau, ins Rockefeller Center.

Die meisten Leute, welche nach NYC gehen, wollen natürlich aufs Empire State Building rauf. Kann ich gut nachvollziehen. Ich war schliesslich auch schon mal da oben auf der Terrasse im 82. Stock.
Aber wenn man Fotos machen will, ist es natürlich ein wenig doof, wenn die grösste Ikone von ganz New York City nicht auf den Bildern ist, weil man da selbst drauf steht.

Die Lösung: Top of the Rock, die Aussichtsplattform vom Rockefeller Center. Die ist zwar nicht ganz so hoch wie das Empire State Building (ich glaube, Top of the Rock hat nur rund 65 Stockwerke. Im Empire State Building kann man in den 82. oder sogar bis in den 102. Stock rauf).
Preislich gibt’s keinen grossen Unterschied. TotR kostet 36 Dollar, das 82. Stockwerk vom ESB 38 Dollar. Das 102. Stockwerk vom EBS kostet über 50 Dollar, das Ticket würde ich aber niemals kaufen. Einerseits ist es keine Freiluftplattform, andererseits kann man dann genauso gut ins One WTC gehen. Da geht’s für denselben Preis noch höher rauf.

Ein weiterer Vorteil des Rockefeller Centers: Auf der obersten Plattform versperren keine Metallgitter die Sicht auf die Stadt wie beim Empire State Building. Wir lernen also: TotR gibt die besten Fotos bzw die beste Aussicht im generellen.

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Aussicht vom Top of the Rock

An diesem Tag war super Wetter, so dass die Aussicht wirklich genial war. Trotzdem sollte man sich für so Aussichtsplattformen immer warm genug anziehen, da oben ist es noch windiger als in den Strassenschluchten weiter unten.

Und weil’s so schön ist, noch ein anderer Vorteil vom Top of the Rock: Der offizielle Nintendo Store ist nur ein paar Fussschritte entfernt, sobald man wieder unten ist. Früher hatte der Store zwar eine grössere Auswahl und auch besseres Merchandise im generellen, trotzdem ist der Store immer noch einen Besuch wert, wenn man Pokemon/Super Mario/Zelda Fan ist.

So weit, so gut – ein schöner Start in NYC, es kamen wieder Erinnerungen hoch von vorherigen Trips etc.
Wo ich aber noch nie war, war Coney Island. Die ehemalige Insel im Süden von Brooklyn ist bekannt für seinen Vergnügungspark und als Standort der ersten Nathan’s Filiale in den USA, wo jährlich das Hot Dog Wettessen durchgeführt wird. Ich bin ja nicht unbedingt Fan von sinnlosen Fressorgien, das war also nicht mein Grund, dorthin zugehen. Mich reizte der Vergnügungspark, die Lage am Meer und die ganze Stimmung.

Aber wer hätte gedacht, dass Coney Island die Manifestation meiner schlimmsten Albträume ist.

Rund eine Stunde muss man von Manhattan aus mit der U-Bahn fahren, bis man in Coney Island ankommt. Als ich so aus dem Zug geschaut habe, dachte ich mir schon: Das wirkt ja wie ausgestorben. Viel habe ich mir nicht dabei gedacht, denn es war unter der Woche, da kann ja auch kaum ganz New York am Strand sein.

Ab dem Bahnhof sind es nur ein paar Schritte zum Pier hinunter. Immer noch keine Menschenseele zu sehen. Ich muss zugeben, dass ich ein wenig Gänsehaut bekam, weil die ganze Kulisse verdammt gruselig wirkte. Das Wonder Wheel, ein Riesenrad, drehte sich nicht. Kein einziger Mucks kam von den Achterbahnen, wo ich doch eigentlich vergnügtes Geschrei erwartet hatte.
Die alten Wohnblocks im Hintergrund, die trostlos dastanden und genauso desertiert wirkten, machten das Ganze auch nicht besser.
Ich ging weiter Richtung Strand. Immer noch niemand zu sehen. Der Vergnügungspark glich einer Geisterstadt. Weit entfernt konnte ich Geräusche vernehmen – irgendwo wurde gebaut. Gut, ich war doch nicht komplett alleine.

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Strand von Coney Island

Die Eingangstore zum Vergnügungspark: Mit Vorhängeschlössen gesichert. Über den Toren grinsten unheimliche Clownsfratzen zu mir hinunter. Mein Gang beschleunigte sich, ich war am Strand. In einiger Entfernung sah ich ein paar Menschen am Strand spazieren. Alle Imbissstände und Restaurants am Pier waren geschlossen. Eine einzige Bar, einige hundert Meter entfernt, hatte geöffnet.
Die ganze Atmosphäre erinnerte mich stark an American Horror Story: Freak Show, wo ein Zirkus Hauptschauplatz des Horrors war.

Falls ich an diesem Ort des Grauens sterben würde, dann sicher nicht hungrig. Ich  machte kehrt und ging zurück Richtung Bahnhof zum Nathan’s und holte mir dort ein Philly Cheese Steak, mit dem ich wieder Richtung Strand spazierte und menschenseelenallein auf einer Bank zu Mittag ass.
Die Gelegenheit nutzte ich, um die Öffnungszeiten des Vergnügungsparks zu googlen. Scheinbar war das Zeug nur am Wochenende geöffnet, und im November war die Saison wohl schon zu Ende, so dass auch an Sams- und Sonntagen nichts mehr geöffnet hatte. Zumindest eine der vielen Achterbahnen zeigte online für die nächsten paar Wochen keinen einzigen geöffneten Tag an.
Hat trotzdem Spass gemacht.

Der Horror ging aber gleich weiter.

Ich machte mich auf den Weg zurück ins Hotel – unterwegs besuchte ich noch einen Whole Foods Market. Ich habe die Tendenz, auf Reisen immer viel zu wenig zu trinken und wollte mir deshalb ein paar Liter Wasser kaufen.

Horror Nr. 1)
Am Kühlregal lachten mich Flaschen mit Fijiwasser an. Nur ein paar Cent teurer als lokales Wasser. Was zum Fick.

Horror Nr. 2)
Evian stand gleich daneben, zum selben Preis wie das Fijiwasser

Horror Nr. 3)
Bei der Suche nach Schokomilch fand ich, und jetzt halt dich am Stühlchen fest:

Gekochte Eier.eier
Geschält, in Plastik verpackt und gekühlt.

Warum, und wer frisst sowas?

Horror Nr. 4)
Zwei Regale weiter stehen Orangen und Mandarinen, geschält und ebenfalls in Plastik verpackt.

Nur so nebenbei, Whole Foods Market macht immer einen auf „organic, bio, vegan, conscious xoxo, falls du PET nicht recyclest kauf bei uns ein und du kommst trotzdem noch in den Himmel„.
Hätten mich geschälte und wieder in Plastik verpackte Orangen in einem Wal-Mart überrascht?
Wohl kaum. Aber wenn DAS in den USA nachhaltig bedeutet, dann will ich gar nicht wissen, wie es in anderen Läden aussieht.

Für lokales Wasser hat der Laden dann aber trotzdem gereicht. Kurz im Hotel alles abgeladen und huii, schon wieder auf Tour.

Mein Ziel: Die „High Line“. Die gab es partiell schon, als ich das letzte Mal in New York war, war aber zu dem Zeitpunkt noch nicht fertig. Nur ein kleiner Teil war damals begehbar.
Die High Line ist eine ehemalige Eisenbahnstrecke im Westen von Manhatten. Vor einigen Jahren startete ein Projekt, welches zum Ziel hatte, die Strecke in einen Park zu verwandeln.

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High Line

Inzwischen ist die High Line fertig und eine der neuen Touristenattraktionen in New York. Sie ist leider ein wenig überlaufen, trotzdem ist sie einen Besuch wert. Starten kann man im Norden oder im Süden – Ich bin an der 28th Street gestartet, dann einmal runter und wieder rauf spaziert. Es hat sich wirklich gelohnt, und auf der Linie gibt es ein paar super Spots, um Fotos von Manhattans Strassenschluchten zu schiessen.

Ich musste mich nun sputen, ich hatte um 17.30 Uhr einen Tisch in der Joanne Trattoria reserviert. Dieses Restaurant liegt in der 68th Street, westlich vom Grand Central Park und gehört Joe Germanotta, dem Vater von Lady Gaga. Als Fan von Gaga wollte ich natürlich einmal dort essen gehen.
Von der 28th zur 68th Street bin ich zu Fuss gelaufen. Never again, in New York unterschätzt man aufgrund des Schachbrettmusters die Distanzen in der Innenstadt sehr schnell. Pro Block muss man rund eine Minute einrechnen, ohne allfällige Unterbrechungen durch Lichtsignalanlagen. Ich war also ungefähr eine Stunde unterwegs, bis ich am Zielort angelangt bin.
Das Restaurant sieht super aus – der Eingangsbereich hat mich ein wenig an einen Hobbitbau erinnert. Das Essen war okay. Italo-Amerikanische Küche halt, die Preise sind recht hoch und der Service war auch nicht allzu berauschend. Ich würd nicht nochmal gehen.20181107_172030

Nach dem Essen war ich todmüde, schliesslich war ich schon seit 6 Uhr auf. „Den Jetlag muss ich ausnutzen„, hab ich mir gedacht. Da die Port Authority Bus Station nur ein paar Minuten von meinem Hotel entfernt war, entschloss ich mich, per Bus nach Washington, D.C. zu reisen. Ein Return-Ticket hat mich ca. 55 Dollar gekostet. Per Bahn hätte das ganze mehr als doppelt so viel gekostet, das ist mir Amtrak dann aber nicht wert. Umweltfreundlicher ist das in den USA auch nicht, weil dort grösstenteils eh noch Dieselloks unterwegs ist.
Um 7.00 Uhr hatte ich meine Hinfahrt gebucht. Unter normalen Umständen wäre ich gestorben, wenn ich so früh hätte aufstehen müssen. Dank Jetlag bin ich aber von selbst um 5.45 Uhr aufgewacht und konnte mich gemütlich bereit machen und noch im 7-11 einen Kaffee holen, bevor ich den riesigen Busbahnhof betrat.

Wenn ich riesig sage, meine ich auch riesig. Als ich das Gebäude betrat, war ich erstmal überfordert. Die hatten dort Gates, wie am Flughafen. Ich musste online einchecken, dort wurde mir aber kein Gate angezeigt. Ich musste erst mal 15 Minuten mein Gate suchen, und bis ich beim Bus ankam, waren leider schon alle Fensterplätze belegt. Ich sass neben eine Dame, die mir sympathisch vorkam.
Zwei Minuten nach Abfahrt hat sie dann eine Bibel hervorgekramt. Oh, boy. 4 Stunden lang las sie im neuen Testament.

Um 11 kamen wir endlich im District of Columbia an – Freude herrscht. In Washington war ich erst einmal, aber die Hauptstadt der USA gefällt mir um einiges besser als NYC. Mich erinnert Washington ein wenig an London, im Sinne dass beide Städte recht ruhig sind, trotz ihrer Grösse.
Der Busbahnhof in Washington ist direkt über der Union Station, wo die Züge von Amtrak halten.
Zugfahren in Amerika ist fast wie Fliegen, habe ich dort gemerkt. Überall auf der Welt funktioniert Zugfahren eigentlich ähnlich, nicht so in den USA.
Vielleicht liegt es daran, dass Fliegen so ein populäres Verkehrsmittel ist, dass man potenziellen Bahnfahrern den Übergang so leicht wie möglich gestalten will. Bahnfahren war in Amerika nie wirklich ein Ding. Das liegt natürlich an den enormen Distanzen, da traditionell schon seit jeher alle Autofahren (denn nur, wenn man selber fährt, ist man schliesslich frei…), und weil die Infrastruktur jahrelang vernachlässigt wurde.

Wie funktioniert denn Zugfahren in den USA?
Nun, es gibt in den Zügen eine Business- und eine Economyclass. Bis auf die Namensgebung ist das noch nichts Spezielles, Erste und Zweite Klasse gibt’s ja auch fast überall auf der Welt.

Speziell wird es aber, dass Fahrgäste mit einem Business Ticket zuerst einsteigen dürfen. Genau wie im Flugverkehr.
Keine Ahnung, was das bringen soll. Die haben eh gesonderte Abteile? Wird wohl nur psychologische Gründe haben.

Ganz lustig wird es aber mit dem Gepäck. Normalerweise nimmt man Gepäck ja mit ins Abteil und verstaut das irgendwo. In den USA muss man bei Fernverkehrszügen zuerst an einen Bahnschalter, der genauso aussieht wie die Check-In Schalter am Flughafen. Dort kriegt man seinen Boarding Pass und gibt sein Gepäck auf. Das wird dann in einem separaten Wagen transportiert.
Am Zielort angekommen wird das Gepäck dann – genau, wie am Flughafen – auf einem Gepäckband ausgegeben.

Wahrscheinlich gibt es noch mehr Gemeinsamkeiten. Da ich aber nie selbst Langstrecke gefahren bin, sind die oben genannten Punkte alles, was mir aufgefallen ist. Das habe ich nämlich alles an der Union Station in Washington bemerkt, als ich im Pret-A-Manger meinen Kaffee geschlürft habe.

Vom Bahnhof sind’s nur zehn Minuten zu meinem Hauptziel in Washington: Dem Capitol, Sitz der Legislative der Vereinigten Staaten. Der Kongress und der Senat haben beide ihren Sitz in dem riesigen Gebäude, welches den Mittelpunkt der Stadt bildet. Die riesige Kuppel, welche stark vom Petersdom im Vatikan inspiriert wurde, wurde während dem amerikanischen Bürgerkrieg gebaut. Präsident Lincoln bestand darauf, dass die Bauarbeiten fortgesetzt werden, da er daran glaubte, dass das amerikanische Volk wieder geeint wird.

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Das Capitol von der National Mall her

Im Keller des Capitols befindet sich das Besucherzentrum. Dort kann man Tickets für eine kostenlose Führung kriegen – die ist aber sehr kurz und lohnt sich eher weniger. Der Guide erzählt zwar ein paar nette Facts zum Capitol, aber im Grossen und Ganzen ist man besser beraten, wenn man sich das Capitol selbst unter die Lupe nimmt. Da die Abgeordneten und Senatoren in den USA Berufspolitiker sind, sind die natürlich jeden Tag im Capitol. Entsprechend eingeschränkt sind die Bereiche, welche man ansehen kann: Grundsätzlich sind nur der Eingangsbereich, die Krypta und der Kuppelraum zugänglich. Zusätzlich kann man sich spezielle Tickets holen, um die Congress bzw. Senate Gallery zu besichtigen, wo die Abgeordneten bzw. Senatoren jeweils tagen. Als Ausländer kriegt man die Tickets gratis und einfach im Capitol. Als Staatsbürger der USA muss man zuerst beim Büro des jeweiligen Abgeordneten bzw. Senators anklopfen, um ein Ticket zu kriegen.
Wenn man Glück hat, kann man sogar bei einer Tagung dabei sein. Als ich im Capitol war, waren der Kongress und der Senat jedoch unbesetzt. Fotos darf man keine schiessen, Handy etc. muss alles vor den Kammern abgegeben werden.

Sehenswert: Yes!

Noch 2.5 Stunden hatte ich in Washington, bevor ich wieder in den Bus Richtung New York steigen musste. Genug Zeit, um durch die National Mall zu spazieren. Die National Mall ist die riesige Parkanlage vor dem Capitol Hill. Im Osten bildet das Capitol Ende des Parks, im Westen das höchste Bauwerk in D.C., das Washington Monument. Der Obelisk ist genau 555 Fuss hoch. Die höchsten 9 Zoll des Monuments bestehen dabei aus reinem Aluminium. Zu der Zeit, als das Monument gebaut wurde, war Alu eines der teuersten Metalle überhaupt, noch teurer als Gold.
Leider ist das Monument noch bis mindestens 2019 geschlossen. Der gesamte Lift im Inneren des Obelisken wird ersetzt, da der alte immer mal wieder den Dienst verweigerte und teils gefährliche Situationen verursachte. Sehr schade, denn ich wäre da gerne raufgegangen, selbst wenn das Treppensteigen bedeutet hätte.

Ein hohes Monument – das ist ein gutes Stichwort, um die Regelung der Gebäudehöhen in Washington anzusprechen.
Ich hab vorhin ja erwähnt, dass Washington so ruhig ist im Vergleich zu NYC. In Washington sucht man vergeblich Wolkenkratzer oder generell hohe Gebäude, wie es sie in NYC zu Hauf gibt. In D.C. gibt es nämlich die spezielle Regelung, dass ein Haus nur maximal so hoch sein darf, wie die Strasse, an der es steht breit ist, plus sechs Meter.
Das ist zwar schön fürs Stadtbild, aber dadurch ergeben sich auch viele Probleme: Der Wohnraum in Washington wird immer teurer, und Bauherren können nichts gegen den Wohnungsmangel unternehmen, da ihnen aufgrund dieser Regelung die Hände gebunden sind. Es ist praktisch unmöglich, in Washington einen Wohnblock aufzustellen.

Wenn man von Washington Monument her direkt nach Norden geht, kommt man zum Weissen Haus.
Viel sieht man davon nicht, da die Strassen rundherum abgesperrt sind oder zumindest Barrieren in weitem Umkreis um das Haus aufgestellt sind.
Ich find das Weisse Haus gar nicht schön, um ehrlich zu sein.

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Wenn ich das Haus so ansehe, die Architektur gepaart mit der weissen Farbe, würde ich das Haus eher im Europa Park oder in Las Vegas erwarten. Es sieht einfach kitschig, beziehungsweise billig aus.

Ich liess es mir trotzdem nicht nehmen, im The White House Store einen Washington Hoodie (ohne Abbild des Weissen Hauses) zu kaufen. Dort konnte man auch Trump-Fanartikel kaufen. Eine mexikanische Verkäuferin füllte gerade Regale auf, als ich dort einkaufte… 😉

2.5 Stunden waren um, die National Mall ist riesig, und das war es dann auch schon mit meiner Zeit in Washington. Aber das meiste habe ich sowieso gesehen.

Neuer Tag, neues Glück.
Oder auch nicht, denn für NYC gab es eine Sturzflutwarnung. Gegen Nachmittag sollte es so richtig anfangen zu regnen.
Ich nahm mir deshalb vor, am Morgen und frühen Nachmittag ein wenig die Stadt anzuschauen, um am Abend einfach Netflix zu schauen.
An diesem Tag nahm ich mir Downtown Manhattan vor.

owntown in Manhattan ist nicht das Stadtzentrum – das ist eher Midtown Manhattan.
Trotzdem kommt der Begriff „Downtown“ in der Bedeutung „Stadtzentrum“ aus New York.
Manhattan ist ja eine Insel im Hudson, East und Harlem River.
In den Anfangstagen von NYC wurde Manhattan vom Süden her besiedelt. Dort, wo jetzt die Wall Street, das One World Trade Center etc. stehen.
Später wurde dann immer mehr nach „oben“, also nach Norden gebaut. So entstand der Begriff „Downtown“, der untere Teil der Stadt. Mit der Zeit hat sich der Begriff Downtown dann in den allgemeinen Sprachgebrauch eingebürgert.

In Downtown Manhattan steht, wie oben erwähnt, das One WTC. Das wurde auf dem ehemaligen Ground Zero erbaut, wo früher die Zwillingstürme standen, bevor diese nach den Terrorangriffen von 9/11 einstürzten.
Kurze Anekdote: Als meine Mutter mit mir und meinem Bruder im Jahr 2000 ins WTC ging, wollte mein Vater nicht mitkommen. Er „habe ja noch genug Zeit, um das ein anderes Mal zu machen.“

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One WTC

Neben dem One WTC wurde ein Memorial Museum erbaut. Das habe ich aber aus Zeitgründen nicht besucht. Das neue World Trade Center ist das höchste Gebäude in den USA und das sechsthöchste der Welt mit seinen rund 541 Metern Höhe. Oben gibt’s auch eine Aussichtsplattform. Ich habe mir aber sagen lassen, dass diese im Moment immer überfüllt ist, da sie noch relativ neu ist.

Vom One WTC ist man in wenigen Minuten bei der Staten Island Ferry. Diese kostenlose Fähre bringt einen von Manhattan zum Stadtbezirk Staten Island. Die Fähre wird aber hauptsächlich von Touristen benutzt, denn während der Überfahrt fährt man ziemlich nahe an der Freiheitsstatue vorbei und kann auch gute Fotos von der Skyline Manhattans schiessen.

Ich habe noch nie gross Gefallen an der Freiheitsstatue gefunden. Das Angebot der kostenlosen Überfahrt habe ich trotzdem genutzt, um mir die Skyline von Manhattan ansehen zu können.
Auf Staten Island angekommen kommt jeweils die Durchsagen, man soll aussteigen und wieder einsteigen, wenn man zurück nach Manhattan möchte. Das sieht dann recht lustig aus, wenn mehrere hundert Personen das Schiff verlassen, einmal rund ums Fährterminal laufen, nur um dann wieder aufs Schiff raufzugehen.

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Downtown Manhattan

Die meisten Sehenswürdigkeiten von NYC habe ich inzwischen gesehen. Es fehlt noch die Brooklyn Bridge – da geht man natürlich am besten drüber.

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Das ist einfacher gesagt, als getan. Via Wall Street machte ich mich auf den Weg, und das klingt jetzt voll bescheuert, aber ich fand den Eingang der Brücke nicht.
Ich hab dann aber online gelesen, dass ich damit nicht alleine bin. Es geht scheinbar vielen anderen Leuten auch so.

Über die Brooklyn Bridge zu gehen, dauert einen ziemlichen Moment. Auch hier: Leider sehr überfüllt, da hat das Spazieren leider nicht so viel Spass gemacht, da man ständig jemandem ausweichen musste oder nie überholen konnte.

Von Brooklyn aus nahm ich den Subway in Richtung Grand Central Terminal.
Das Grand Central Terminal ist der Bahnhof mit den meisten Gleisen weltweit. 67 Gleise hat das gute Stück.
Ich nahm um 3 Uhr einen Pendlerzug Richtung White Plains – da, wo wir früher gewohnt hatten.

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Der Mann, der Zeitung liest

Dreissig Minuten dauerte die Fahrt. Ab Bahnhof White Plains waren es nur wenige Minuten bis zu unserem früheren Wohnort: 25 Martine Avenue.
An unsere damalige Wohnung kann ich mich nicht mehr erinnern. Was ich aber noch in Erinnerung habe, ist die Statue eines Zeitung lesenden Mannes, der einmal um die Ecke auf einer Treppe platziert ist. Dort warteten meine Mutter, mein Bruder und ich jeweils auf unseren Vater, als er von der Arbeit nach Hause kam.

Mehr gab es für mich dann nicht mehr zu sehen in White Plains. Es ging mir nur darum, ein paar Erinnerungen aufzufrischen. Für mich war es ein merkwürdiger Moment. Irgendwie kam es mir zwar vertraut vor, aber andererseits war ich damals so jung, dass ich mich an viel nicht richtig erinnern konnte.
Der Samstag kam – es ist übrigens immer noch Samstag, ich sitze gerade im Flieger, als ich das hier schreibe – und das heisst, am Abend geht der Flug zurück in die Schweiz.
Mein Gepäck durfte ich netterweise im Hotel lassen. Ich ging diesmal ein wenig später als normal los. Zuerst ins IHOP, International House of Pancakes, um dort wieder ein üppiges Frühstück zu mir zu nehmen.

Anschliessend stand das MET, The Metropolitan Museum of Art, auf meiner Liste.20181110_102519.jpg
Das MET ist die grösste Kunstsammlung in Amerika und vor allem auch für seine MET Gala bekannt, welche jährlich am ersten Montag im Mai stattfindet.
Allerlei Berühmtheiten trudeln am Montagabend im MET ein, wo’s eine riesige Dinnerparty gibt. Alles Im Sinne einer Fundraising-Veranstaltung: Das Geld geht alles ans MET und ist die wichtigste Einnahmequelle des Museums. Für Normalsterbliche, welche keine Einladung erhalten – nur rund 700 Personen erhalten pro Jahr eine, allesamt Berühmtheiten aus den Bereichen Fashion, Musik oder Hollywood – können einen Platz für rund 30’000 US-Dollar kaufen. Die Veranstaltung soll ja schliesslich so exklusiv wie möglich bleiben.

Organisatiorin des Anlasses ist Anna Wintour – die Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen Vogue. Das ist wohl sicher ein Grund, weshalb die MET Gala als einer der Modehöhepunkte des Jahres gilt, denn an diesem Tag präsentieren alle Berühmtheiten Designerkleider, meistens exklusiv für diesen Anlass gefertigt, um das Thema des Abends zu repräsentieren. Das Thema ist immer dasselbe, wie das Jahresthema des Museums.
Vermehrt hört man inzwischen, dass die MET Gala aber kein so grosser Spass ist, wie man meint: Anna Wintour scheint ein richtiges Biest zu sein, und die Promis würden an der Gala die Minuten zählen, bis es wieder vorbei ist. Gerüchten zufolge wird die Gala nur weiterhin so rege besucht, da man Angst hat, ansonsten auf einer Blacklist der Vogue und verschiedenster anderer Magazine zu landen. Trotzdem verweigern in den letzten Jahren vermehrt immer mehr Promis die Teilnahme an der Gala.

Das MET per se ist auch nicht unproblematisch: Immer wieder kommt Kritik am MET auf, da sie Raubkunst ausstellen bzw. Grabräuber fürstlich für Kunstschätze entlohnen. Erst durch einen Käufer lohnt sich das Ausrauben von Gräbern – falls ihr also mal von irgendwoher einen Kunstschatz klauen konntet: Das MET wird ihn euch sicherlich abkaufen 😉

Trotzdem war das MET cool. Nicht so cool, wie das British Museum, aber nahe dran. Wo das British Museum einen assyrischen Tempel ausgestellt hat, bietet das MET einen kompletten ägyptischen Tempel, der in einer eigenen Hallen inklusive Wasserbecken ausgestellt ist.
Was mir am British Museum um einiges besser gefällt, ist die Anordnung der Räume. Ich habe mich nämlich im MET verlaufen. Das meine ich ernst.
Ich wollte das MET verlassen, aber ich fand den Ausgang nicht. Ich ging durch ein paar Gänge, von welchen ich dachte, dass ich von dort komme. Stattdessen habe ich noch mehr Galerien und noch mehr Ausstellungsobjekte gefunden. Einerseits zwar cool, andererseits war’s dann nach einer Weile ein wenig frustrierend. Gegen Ende hat’s dann trotzdem noch geklappt.

Weil das MET direkt am Central Park liegt, mache ich noch einen Spaziergang durch den Park. Tagsüber ist er immer besucht und sicher, nach der Abenddämmerung würde ich mich aber nicht mehr in den Park trauen. Auch hier hat mich mein Orientierungssinn wieder im Stich gelassen und ich bin eine Weile in die falsche Richtung gelaufen.

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Grand Central Park

Leider ging damit meine Zeit in New York zu Ende. Ich ging ein wenig früher als nötig zum Flughafen, da ich dieses Mal per Subway raus ging und ich nicht sicher war, wie lange das dauern würde und ob alles nach Plan funktioniert. So konnte ich ausserdem den Pendlerverkehr am Abend umgehen.

Dieses Mal hatte ich Glück beim Heimflug: Ich habe einen Fensterplatz, und der Gangsitz neben mir ist frei. Keine stänkernde Oma, nur schön viel Beinfreiheit. So lässt es sich gemütlich fliegen. Bis zum nächsten Langstreckenflug.

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