Hiragana und Katakana sind beide recht simpel. Entwickelt wurden sie aus den chinesischen Kanji, wurden dabei aber stark vereinfacht. Dadurch, dass jedes Zeichen eine einzelne Silbe verkörpert, sind die beiden Schriftarten sehr einfach zu Erlernen. In Hiragana und Katakana gibt es je 46 Silben und noch ein paar Umlaute, so dass man die Schriften grundsätzlich in je 3 Stunden schreiben kann, wenn man sich dransetzt und konzentriert.
Eine andere Geschichte sind die komplexen chinesischen Schriftzeichen. In Japan werden diese Kanji genannt und ursprünglich wurde die komplette Sprache in Kanji niedergeschrieben, bis man gemerkt hat, dass das aufgrund der enormen sprachlichen Differenzen von Chinesisch und Japanisch nicht wirklich funktioniert.
Wieso funktioniert es für Chinesisch, aber nicht Japanisch?
Japanisch ist eine agglutinierende Sprache, so wie Finnisch, Ungarisch oder Koreanisch (die deshalb die Kanji sogar komplett abgeschafft haben). Das heisst, dass grammatikalische Informationen wie Zeitform, Konjugation, Verneinungen etc. an einen Wortstamm angehängt werden. Als Vergleich:
Deutsch: Ich ass kein Fleisch.
Japanisch: (Watashi wa) niku o tabemasendeshita.
Im Deutschen wird die Information „Vergangenheit“ durch eine entsprechende Konjugation des Verbes vermittelt. Um auszudrücken, dass ich KEIN Fleisch gegessen habe, hänge ich dieses Wort vorne ran.
Im japanischen werden diese Infos an das Verb „tabe“ angehängt.
„tabe“ bedeutet hier also „essen“, „masen“ nicht und „deshita“ zeigt die Vergangenheit an.
Das ist natürlich nicht der einzige Grund, aber zeigt das Problem ziemlich gut auf.
Deshalb verwenden die Japaner Hiragana, um grammatikalische Informationen, Partikel, japanische Wörter und zu komplizierte/unbekannte Kanji auszuschreiben. Katakana werden vor allem für Fremd- oder Lehnwörter benutzt (bspw. pan aus dem Portugiesischen für „Brot“).
Wieso schreibt man dann japanisch nicht komplett in Hiragana und Katakana?
Das Lernen der Kanji ist zwar zeitraubend und dauert relativ lange, aber es macht das Lesen von japanischen Texten um Längen einfacher und man kann die Bedeutung eines Textes auch dann erkennen, wenn man nur kurz drüberschaut. Da japanisch auch keine Leerzeichen kennt, wäre eine Schrift rein mit Hiragana sehr mühsam zu lesen, da als agglutinierende Sprache die Wörter sehr lang werden können.
Ein weiterer, wichtiger Grund ist, dass japanisch eine sehr kontextabhängige Sprache ist. Viele Wörter werden gleich ausgesprochen, haben aber eine andere Bedeutung. Im Deutschen kennen wir das ja bspw. mit den Wörtern „Bank“ oder „Sirene“ auch:
„Ich gehe zur Bank“ – zur Parkbank oder Geld einzahlen?
„Wir hörten die Sirenen“ – den lauten Alarm, oder die griechischen Fabelwesen?
In Texten fehlt oft der Kontext, in welchem die Wörter benutzt werden. Durch Kanji wird dieser Kontext allerdings gegeben, da die Schriftzeichen zwar gleich ausgesprochen werden, aber durch das spezifische Kanji sieht man sofort, was genau gemeint ist.
Deshalb ist eine Abschaffung der Kanji für die japanische Sprache in der näheren Zukunft nicht abzusehen. Seit etwas über einem halben Jahr lerne ich ja inzwischen Japanisch, und seit etwa einem Monat bin ich an den chinesischen Schriftzeichen dran. So kompliziert, wie man meint, ist das ganze aber gar nicht. Bisher habe ich die 11 % Marke geknackt, also ca. 250 Schriftzeichen von rund 2200 gelernt. In 57 Tagen geht der Flug nach Japan, und mein Ziel ist es, bis dahin alle 2200 Kanji gelernt zu haben.
Eine – zumindest für mich, die Meinungen sind gespalten – sehr effektive Methode, um Kanji zu lernen, ist die Heisig-Methode.
Dieser Herr Heisig hat ein Buch mit allen notwendigen Kanji geschrieben, das aufbauend ist. Oft denkt man ja, dass jedes Zeichen komplett anders ist, aber eigentlich sind die Zeichen alle immer wieder dieselben, einfach, dass sie anders zusammengesetzt werden. Es ist gar nicht so schwierig, wie man eigentlich meint.
Als Lernhilfe denkt man sich zu jedem Schriftzeichen eine kleine Geschichte aus, die einem hilft, das Kanji im Gedächtnis zu behalten. Für mich klappt das super, und ca. 20-30 Kanji pro Stunde sind so ohne weiteres möglich.
Ein Nachteil dieser Methode ist, dass man kein japanisches Vokabular lernt und auch zusammengesetzte Zeichen unleserlich bleiben können, da sich die Bedeutung massiv ändern kann. Ich unterstütze aber die Behauptung von Heisig, dass es besser ist, wenn man Vokabular basierend auf Kanji lernt statt Vokabular zuerst und erst zum Schluss Kanji. Aber da sind die Meinungen verschieden.
Ich bin ja gespannt, ob ich mein Ziel bis am 20. Mai erreichen kann, denn dann geht’s nach Tokyo.
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