Tokyo und Umgebung ist mit einer Population von 38 Millionen die grösste Metropolregion auf der Welt. Trotzdem ist es extrem ruhig in Tokyo, das war etwas vom ersten, was mir aufgefallen ist. In den Zügen herrscht Stille, auf den Strassen in Downtown Tokyo hört man nur Motorengeräusche, es wird nicht gehupt und die Leute unterhalten sich leise. Im Vergleich zu anderen Grossstädten wie New York oder London sticht Tokyo extrem heraus. Auch punkto Sauberkeit merkt man Tokyo nicht an, dass man sich in einer Metropole befindet. Ich habe nie Müll herumliegen sehen. Die Japaner nehmen Littering scheinbar sehr ernst, und jeden Morgen und Abend sieht man in Tokyo Ladenbesitzer, wie sie vor ihrer Haustüre das Trottoir fegen. Ich würde behaupten, Tokyo ist die sauberste Stadt, die ich bisher gesehen habe.
Jedenfalls kamen wir in dieser Megastadt morgens um neun Uhr an und es schüttete wie aus Kübeln. Glücklicherweise findet man in Tokyo an jeder Strassenecke einen Konbini, einen kleinen Convenience-Store, die Regenschirme für ein paar Yen anbieten. Trotzdem waren wir so durchnässt, als wir in unserem Hotel in Shibuya ankamen, dass wir uns entschieden, in den Untergrund zu gehen.
Unterhalb von Tokyos Hauptbahnhof, der Tokyo Station, befindet sich ein riesiges Labyrinth, in welchem unzählige Läden und Restaurants untergebracht sind. Man stelle sich Züri HB vor, nur um ein vielfaches grösser. Die Idee habe ich von der YouTuberin Sharla, die ein Video vom Tokyoter Untergrund gedreht hat. Im Video sieht man ganz gut, wie gross es da unten ist und wie weit sich die Passage erstreckt, also schaut euch das Video an, falls es euch interessiert 🙂
Jetlag sei dank sind wir am nächsten Tag schon um 4 Uhr aufgewacht. Frühstück haben wir uns – wie dann praktisch jeden Tag auf der Reise – in einem Konbini geholt. Mein Zmorge bestand üblicherweise aus einem Onigiri und einem warmen Kaffee. Warmer Kaffee aber nicht im Sinne von „aus der Kaffeemaschine“ – in Japan ist es nämlich üblich, dass man neben Kühlregalen auch „Heiz“regale hat, in welchen Kaffee und Tee in Flaschen stehen, damit der Kunde wählen kann, ob er jetzt sein Caffé Latte warm oder kalt will.

Wie bereits erwähnt befand sich unser Hotel im Viertel Shibuya. Bekannt ist die Nachbarschaft vor allem für die berühmte Shibuya Scramble Crossing, wo während der Rush Hour bis zu 2500 Personen die Strassenseite wechseln.
In Shibuya selbst befindet sich einer der bekanntesten Schreine in Japan, der Meiji-Schrein. Der Schrein wurde zu Ehren des Kaisers der Meiji-Zeit erbaut und ist ein beliebtes Touristenziel.
Dadurch, dass wir bereits um fünf Uhr morgens da war, war es noch totenstill. Nebst uns waren nur noch zwei, drei Büroangestellte auf dem Weg zur Arbeit zu sehen, die einen Zwischenstopp am Schrein einlegten, um kurz zu beten. Online habe ich gesehen, dass das Gelände des Schreins tagsüber extrem überlaufen ist. Jetlags sind also doch nicht so schlecht, wie man immer meint 🙂
Vom Meiji-Schrein sind es nur ein paar Gehminuten nach Shinjuku, ein Stadtteil nördlich von Shibuya. Bekannt ist Shinjuku vor allem für das dortige Nachtleben, die Unterhaltung, und das Rotlichtviertel Kabukicho – neben Roppongi im Süden von Tokyo ist Kabukicho aber die einzige Gegend von Tokyo, wo ich nach 22:00 Uhr nicht mehr hingehen würde, da es dort nicht immer sicher ist. Shinjuku generell hat mich aber sowieso nicht so stark vom Hocker gehauen – mit zwei Ausnahmen.
Die erste Ausnahme ist der Shinjuku Gyo En, der Park im Süden von Shinjuku. Der kostet zwar ein paar Franken Eintritt, ist aber der schönste Park, den ich in Japan gesehen habe. Der nördliche Teil ist im englischen Stil gebaut, der südliche Teil ist ein typischer japanischer Garten. Ende Mai blühten gerade die Rosen, und die riesigen Rosenbeete waren eine wahre Augenweide. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Park zur Kirschblüte wunderschön sein wird. Meine Topempfehlung, falls ihr auch mal in Tokyo seid.
Die zweite Ausnahme ist das Rathaus von Shinjuku, das Tokyo Metropolitan Government Building. Der Gebäudekomplex besteht aus zwei ca. 250 Meter hohen Türmen, und in beiden Türmen befinden sich Aussichtsplattformen um Tokyo von oben zu sehen. Das beste daran ist, dass der Besuch gratis ist. Auch die Wartezeit hat sich in Grenzen befunden (ca 20 Minuten), als wir dort waren. Von dem Observatorium im 45. Stock hat man eine unglaublich gute Aussicht über den kompletten westlichen Teil von Tokyo, und es wird einem erst dann wirklich bewusst, wie riesig die Stadt ist: Egal in welche Richtung man schaut, die Häuserflut nimmt kein Ende. Bis zum Horizont ist alles überbaut, und das Ende der Stadt ist nicht zu sehen. Ebenfalls eine Topempfehlung für Tokyo.

Den Abend verbrachte ich mit einer Freundin, die ich während meines Sprachaufenthaltes in Dublin kennengelernt hatte. Mizuho lebt in der Präfektur Kanagawa ca. 20 Minuten ausserhalb von Tokyo und hat sich freundlicherweise bereit erklärt, mich in Harajuku herumzuführen und mit mir ein Izakaya, ein traditionelles japanisches Pub, zu besuchen.

Harajuku ist vor allem unter Teenagern beliebt und gilt als Modezentrum von Japan. In Harajuku gibt es übrigens einen Sailor Moon Store, bei dem mein Herz ganz schwach wurde und ich viel zu viel Geld ausgegeben habe 😦 Dafür konnte ich mir ein paar Kindheitswünsche erfüllen und mich mit Sailor Moon Merchandise eindecken 🙂

Ein Izakaya in Japan zeichnet sich damit aus, dass viel getrunken wird (logischerweise) und dazu kleine Portionen von allem möglichen gegessen wird. Zum Glück hatte ich Mizuho bei mir, denn die ganze Speisekarte war in Japanisch (und ich habe ja mein Ziel mit den Kanji lernen nicht erreicht) und zur Bestellung musste man einen Zettel ausfüllen und alles ankreuzen, was man haben wollte. Wir haben vor allem Yakitori bestellt, grillierte Pouletspiesse, aber Mizuho hat noch ein paar abenteuerliche Sachen gegessen, die ich dankend abgelehnt habe – halbroher Pouletsalat, gebratene Fischeier etc.

Zirka eine Stunde südlich von Tokyo befindet sich die Hafenstadt Kamakura, die früher einmal Hauptstadt von Japan war – aber das heisst ja nicht viel, in Japan hat die Hauptstadt schliesslich ständig gewechselt. Kamakura ist bisher mein Lieblingsort in Japan. Mit der S-Bahn ging’s direkt in die für japanische Verhältnisse kleine Stadt. An einer langen Einkaufsstrasse konnte man sich mit allerlei japanischem Kram eindecken – Stäbchen, Fächer, Reislöffel und so weiter. Wirklich interessant ist Kamakura aber aufgrund der ganzen Schreine und Tempel. Der Unterschied von Schrein und Tempel ist übrigens, dass Schreine shintoistisch und Tempel buddhistisch sind.

Eine der Hauptsehenswürdigkeiten in Kamakura ist die riesige Buddhastatue aus Bronze. Eigentlich nur 10 Minuten vom Bahnhof entfernt, haben wir rund 1.5 Stunden benötigt, um dorthin zu kommen – denn es gibt einen Wanderweg durch einen Park und über einen Hügel, um zu diesem Buddha zu gelangen, der Daibutsu Hiking Trail. Ich hab gar nicht gewusst, dass der existiert und bin mehr durch Zufall darübergestolpert. Der Pfad führt durch einen dicht bewachsenen Wald und ab und zu hat man eine super schöne Aussicht über Kamakura und das Meer. Der Weg ist nicht sonderlich anstrengend und jeder kann ihn schaffen. Unbedingt ausprobieren!

Daibutsu
Beim Daibutsu angekommen habe ich natürlich ein paar Fotos geknipst, aber für mich war die ganze Gegend um diesen Tempel herum zu sehr von Touristen überlaufen, als dass ich mich richtig hätte freuen können. Gefreut habe ich mich schlussendlich aber, nämlich über den Jinbei, den ich dort in einem Kleidergeschäft gekauft habe. Ein Jinbei ist ein traditionelles japanisches Kleidungsstück, das ursprünglich als Pyjama getragen wurde. Inzwischen wird der Jinbei aber auch mehr und mehr an heissen Sommertagen getragen, weil er unglaublich luftig ist und die Hitze um einiges weniger spürt, wenn man ihn anhat. Er war mir später noch ein Lebensretter 🙂

Den letzten Tag in Tokyo verbrachten wir hauptsächlich in Asakusa, eine Gegend im Norden von Tokyo und in Odaiba, ein Unterhaltungsviertel auf einer aufgeschütteten Insel. Asakusa ist ein typisches Beispiel für Overtourism – wegen der Touristenmassen kommt man dort teilweise nicht vom Fleck. Die Tempel und Schreine in der Gegend sind zwar schön, aber leider sieht man mehr von den Touris als von den Gebäuden. Auch hier konnte mich aber ein Kauf aufheitern: In einem Kimono-Geschäft habe ich einen Yukata, einen Sommer-Kimono, in meiner Grösse gefunden (bei meiner Länge und Breite nicht so einfach ;)). Irgendwann werde ich ihn noch anziehen und ein Foto posten – weil das falten vom Gurt nicht so einfach ist, habe ich ihn bisher noch nicht getragen.
Nach Asakusa ging’s in den Garten vom Kaiserpalast, der aber nicht sonderlich viel zu bieten hat. Nahe an den eigentlichen Palast kommt man nicht wirklich, und die Gärten waren auch nichts spezielles, bis auf einen kleinen Teil im Süden des Geländes. Viel Zeit haben wir deshalb nicht dort verbracht und sind direkt weiter nach Odaiba.

Garten des Kaiserpalasts
Odaiba bestand ursprünglich aus vielen, kleinen Inseln, bei denen der Zwischenraum aufgefüllt wurde, so dass nun eine grosse Insel übrig blieb. Aus irgendeinem (?) Grund ist Odaiba bei Touristen sehr beliebt, aber ich sah nicht, wieso. Das einzig tolle an Odaiba war – wie ich fand – das Riesenrad, welches einige Zeit lang das höchste der Welt war. Damit hat man eine super Aussicht auf die Skyline von Tokyo und die Rainbow Bridge. Ansonsten hatte Odaiba – jedenfalls für mich – nichts zu bieten. Relativ nahe, ist aber der berühmte Tokyo Tower, zu dem es mich zog.


Tokyo Tower
Das Design des Tokyo Towers ist inspiriert vom Eiffelturm, weshalb die beiden sich relativ ähnlich sehen. Interessant ist der Turm wegen seiner Aussichtsplattform in 145 Metern Höhe. Die kostet zwar – anders als das Rathaus von Shinjuku – aber die Aussicht ist auch hier phänomenal. Durch die riesige Distanz von Shinjuku zum Tokyo Tower ist die Aussicht auch eine ganz andere, es ist also nicht so, als würde man genau dasselbe sehen. Lustig beim Tokyo Tower ist, dass man von der Aussichtsplattform nach unten laufen kann. Es ist noch eindrücklich, wie lange man zu Fuss hat, bis man wieder am Boden angekommen ist.

Mit dem Tokyo Tower endete der erste Teil meiner Japanreise. Am Sonntag, 26. Mai, ging es nämlich morgens um 8 auf einen Shinkansen Richtung Hiroshima. Aber dazu mehr in einem späteren Post.




